Nein. Es war kein gewöhnlicher Ausflug, den das Jugendzentrum der Stadt Kierspe vor kurzem angeboten hat. Steht sonst doch immer der Spaß und das Erlebnis im Vordergrund, so ging es diesmal in die dunkelste und schrecklichste Zeit zurück, die es in Deutschland gab. In eine Zeit, an einen Ort, wo es mehr als 100.000 Tote zu beklagen gab. Ein Ort des Schreckens, der Angst und des Grauens. Es ging nach Bergen Belsen in das ehemalige Todeslager und in das Dokumentationszentrum.
Birken, Wacholder und Heidekraut bedecken das Grauen in Bergen Belsen. Ein Park mit Massengräbern. Ein Wald, der Reste von Baracken, Wachtürmen und Zäunen überwuchert.
Im Juli 1941 wurde von der Wehrmacht ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet. Ein Lager ohne sanitäre Einrichtungen und Schlafstätten. Die Menschen mussten in Erdlöchern schlafen - egal ob bei Schnee, Regen oder Hitze. Sie hungerten, denn auch zu essen und trinken gab es so gut wie nichts. Seuchen und Krankheiten breiteten sich aus.
Ab 1943 kamen auch Juden in das Lager und ab 1944 auch Kranke und Arbeitsunfähige aus anderen Konzentrationslagern. Aber die hygienische Situation und das Essen änderten sich nicht. Die Häftlinge gingen qualvoll zugrunde. Sie litten an Typhus oder Gelbfieber. Eine ärztliche Behandlung gab es nicht. Auch Anne Frank war unter den Häftlingen. Sie starb in Bergen Belsen im Alter von 15 Jahren an Typhus.
Am 15.4.1945 wurde das Lager von britischen Soldaten befreit. 55 Tausend Menschen lebten da noch im Lager. Aber für 14 Tausend kam die Befreiung zu spät. Sie starben an den Folgen in den nächsten Monaten. Für die Befreier bot sich ein Bild des Schreckens. Sie trafen auf Häftlinge, die vor ihren Augen starben. Über 10 Tausend Leichen lagen in Gruben oder einfach so im Lager verstreut herum. Fast 100.000 Menschen ließen ihr Leben in Bergen Belsen. Es gab Tage, an denen starben bis zu 3000 Menschen. Sie starben an Unterversorgung, Hunger und Krankheit.
Die Jugendlichen, die mit Christian Schwanke von der Kiersper Einrichtung in die Heide fuhren, waren tief beeindruckt. Vor allem die Bilder der Befreier und die Originalfilmaufnahmen, die man sich im Dokumentationszentrum ansehen konnte, trafen die Jugendlichen sehr. "Es ist nicht zu begreifen, wie Menschen zu so etwas fähig sind" war die einhellige Meinung.
Nachdem das Außengelände mit den Gedenksteinen und Massengräbern besucht wurde, hielt man sich lange in der Ausstellung auf. An Computern konnte man sich Interviews von Überlebenden anhören. "Es ist besser zu sterben, als hier weiter zu leben." Das war eine Aussage einer Mutter zu ihrer Tochter, die im Sterben lag. Zu tief erschütternd, wie auch Christian Schwanke anmerkte. In einem Filmturm wurden die schrecklichen Originalfilmaufnahmen gezeigt, die die britischen Befreier 1945 gemacht haben. Es gab Jugendliche, denen die Tränen in den Augen standen.
Anhand von Fotos und Dokumenten ließen sich die Geschichte und die Geschehnisse von Bergen Belsen sehr gut erfahren.
Nach dem etwa 3-stündigen Aufenthalt wurde noch die Bahnrampe besucht, an der die Häftlinge mit Zügen ankamen. Dort steht ein Waggon aus der Zeit.
Es dauerte ein wenig, bis sich die Jugendlichen von den Eindrücken befreit hatten. Auf der Rückfahrt und auch im kurzen Stopp in Hannover wurde noch viel über das Thema und das Gesehene gesprochen. Aber sie waren sich alle einig, dass sie froh waren, mitgefahren zu sein. Manche haben sogar den Wunsch geäußert, sich mit dem Thema weiter zu beschäftigen und eventuell mal nach Auschwitz oder Buchenwald zu fahren.
Als Resümee sagt Christian Schwanke von der Einrichtung: "Auch solche Angebote sind wichtig in unserer Arbeit. Zeigt es doch, dass sich Jugendliche nicht nur mit unproblematischen Themen befassen wollen. Wir sind gerne bereit, weiter in diese Richtung zu arbeiten."







